Zen-Texte | die 10 Ochsenbilder

Christoph Jantzen

die 10 Ochsenbilder

Der HornOchse und sein Hirte
oder: die 10 Bilder vom Wasserbüffel
ungefähr 1000 Jahre sind die Zeichnungen alt, die in verschiedenen Versionen den WEG des Zen aufzeigen. Es existieren verschiedene Versionen des Bildablaufs und die unterschiedlichsten, z.T. dubiosesten Deutungen des Inhalts. Schon die Frage, was der Büffel bedeutet, entzweit die Gemüter der großen Interpretations-(Zen)-Meister. Spannend auch, daß in der deutschen Version von einem kastrierten Tier die Rede ist - einem Ochsen - ein Hinweis auf die Kastration des Zen.
Da sich jeder im Buch oder Internet die 10 Bilder anschauen und die originalen Gedichte lesen kann, verzichte ich hier aus Platzgründen auf ihre Wiedergabe.
Interessant sind die dazugehörigen alten Gedichte, die Aufschluß über die frühe Deutung der Bilder und das damalige Verständnis des Zenweges geben. Ich denke, daß wie bei allen Texten dieser Art keine 1:1 Übersetzung möglich ist. Was ist der Büffel? Dafür mag es ein Dutzend richtiger und zwei Dutzend falscher Antworten geben. Tasten wir uns einfach an die Bilder und den Text heran.
Aber schauen wir zuerst auf das Ziel des Zen und betrachten die Bilder von dort aus. Das Ziel ist "ichi", EINS, die Einheit, das Nirwana. Von hier aus betrachten wir die 10 Bilder der Wasserbüffelfolge.
1. Die Suche nach dem Büffel
Der Hirte kann den Büffel nicht finden, denn er ist nie verlorengegangen. Aber das Gefühl, daß etwas fehlt, ist das erste Erwachen des Buddhageistes. Nur findet die Suche nach dem "Verlorenen" meist auf falschem Terrain statt, in der Außenwelt und in der Form, in Ritualen und Gesängen, in Kirchen und Tempeln, wo ein Finden niemals ein Finden ist, sondern immer wieder nur zu neuer Suche führt. Denn was nicht verloren ging, kann nicht gefunden werden. Die Japaner haben eine Geschichte über einen Menschen, der eines Morgens glaubt, sein Kopf sei verlorengegangen. Durch Suchen kann er ihn nicht finden. Er muß aus dem Wahn erwachen, daß ihm etwas fehlt. Alles, was ich finden kann, ist daher nicht das, was verloren ging. Der Sinn der Suche ist, den WEG zu entdecken, aber nicht, ein Ziel zu erreichen.
2. Das Entdecken der Spuren des Büffels
Wohin der Hirte auch schaut, überall sind die Spuren des Büffels. Alles, was ist, ist Ausdruck der Leerheit (Form ist Leere, Leere ist Form - Herzsutra). Dennoch ist die Lehre der Leere noch nicht verstanden, und das Greifen nach dem Büffel ist oft ein Danebengreifen. Die Gefahr besteht, auch das gleichzusetzen, was nicht gleich ist. Religion, Christentum, Islam - auch sie sind Ausdruck der Leerheit, führen dich dennoch nur in die Irre. Da die Buddhanatur jedem Menschen immer innewohnt, kann sie nicht im institutionalisierten Glauben gefunden werden. Der Hirte sieht zwar und spürt, daß hier und da etwas zu ihm spricht, aber es ist zu ungewohnt, er kann nicht wirklich verstehen, was gemeint ist, und was der richtige Weg ist.
3. Das Finden des Büffels
Der Hirte gelangt zum Ursprung und erlebt den Büffel in gelassener Ruhe. Daher ist auch das Tun des Hirten Ausdruck des Büffels. Das bin ich - so erlebt der Hirte die Welt. Keine Projektionen mehr, weder Schuld auf andere schieben noch sich selber für etwas Besonderes halten. Die Getrenntheit zur Außenwelt ist verschwunden, die Natur ist in ihn zurückgekehrt. Alles ist vollkommen es selbst. Die Sonne scheint, der Regen fällt, alles ist richtig. Jeder Ort und jedes Ding und jedes Wesen ist heilig. Nur ausdrücken läßt sich dieser Zustand nicht. Und ganz angekommen und sicher ist der Hirte auf dieser Stufe auch nicht.
4. Das Fangen des Büffels
Der Hirte hat noch keine Gewalt über den Büffel, der sich zeigt und entzieht, wie er will. Es braucht intensive Praxis, um eins mit dem Büffel zu werden. Unser gewohntes Verhalten ist so anders als die Büffelweise, daß Hirte und Büffel sich gezielt und mit Energie aneinander fesseln müssen. Ohne regelmäßige intensive Praxis auf dem Kissen und im Alltag läuft der Büffel wieder weg. Außerdem muß ich mir sicher sein, wen ich da fange - so mancher hat nachher einen kastrierten Ochsen oder eine Ziege an der Leine.
5. Das Zähmen des Büffels
Peitsche und Strick sind nötig, damit der Hirte den Büffel bändigen kann. Die Form wird benutzt, um die Nichtform zum Ausdruck zu bringen. Es gibt keine schnellen Wege zum Ziel, keine Abkürzungen, keine Gebrauchsanleitungen, die einfach so zu befolgen sind. Peitsche und Zügel sind nötig - man muß sich antreiben und anbinden an den gefundenen Weg, mit viel Energie den Einfluß der Samsara-Welt und des sich immer wieder einmischenden Ichs bekämpfen - die jeden Erfolg nutzen, um wieder in ihre alten Geleise zu lenken. Viel Zeit, viel Geduld, große Ausdauer sind nötig. Veränderungen zeigen sich meist erst nach Jahren.
6. Die Heimkehr auf dem Rücken des Büffels
Der Kampf ist gewonnen und damit die Welt von Gewinn und Verlust überwunden. Die Buddhanatur hat die Führung übernommen, der sich der Hirte überlassen kann. Das Leben des Hirten wird zum Ausdruck der Buddhanatur. Nicht das Ego - das abgetrennte Ich - bestimmt den Weg, sondern in Muße ergibt sich alles wie von selbst. Schönheit und Vollkommenheit werden nicht mehr gesucht, sie sind in jeder Handlung und in jeder Wahrnehmung anwesend. Ob der Hirte kacken geht oder Tee trinkt oder den Rasen mäht - alles ist vollkommen. Hier ist das "Ich-weiß-nicht" angesiedelt. denn der Hirte muß nicht mehr wissen, was er tut und wohin es geht, er kann völlig dem Strom des Daseins vertrauen.
7. Der Büffel ist verschwunden, der Hirte bleibt
Da Hirte und Büffel im Ursprung eins sind, ist der Büffel nicht mehr vorhanden - er war ja Ausdruck des Unvollständigseins oder Fehlens. Müßig lebt der Hirte ein Leben der Einheit. Das Suchen nach "Etwas" - hier der Büffel - war eine Art virtueller Vorgang. So wie die Suche nach dem, der durch meine eigenen Augen schaut. Das Ende dieser Ilusion bringt Frieden und Ruhe; keine Geschäftigkeit, Hast oder Eile werden mehr produziert. Das Ich erfindet keine Ziele mehr, die verfolgt werden müssen. Die Bedeutung der strengen Übung versinkt gleichfalls in der Stille, mit ihr die Roben, Riten und Gebote. Es gibt also auch keinen WEG mehr, der zu gehen ist, kein Ziel, das anzustreben ist. Der Hirte ist heimgekommen in sich und der Welt.
8. Büffel und Hirte sind verschwunden
Im Ursprung angekommen gibt es auch keinen Hirten mehr. Jedes Tun und jedes Ziel hat hier sein Ende. Die Suche nach Buddhaschaft ist vorbei. Vor allem ist es vorbei damit, irgendwelche Gurus anzuhimmeln oder irgendwelchen Lehrern und Lehren zu folgen. Der Dharma wird von allem und jederzeit verkündet, sei das die Blume in der Vase, die Wolke am Himmel oder die tote Katze am Wegrand. Hier gibt es keinen Buddhismus und kein Zen mehr, dennoch ist alles klar und eindeutig und jenseits irgendwelcher Beliebigkeit. Ein Nagel wird mit dem passenden Hammer eingeschlagen. Disziplin und Anstrengung haben jeden Sinn verloren. Dieser Zustand kann mit Worten nur angedeutet werden, es ist der Zustand der Alten Meister, die man plötzlich versteht, als hätte man ihre Worte selbst gesprochen.
(Hier endet eine andere Bilderserie)
9. Zurückgekehrt zum Ursprung
Keine Übung ist mehr nötig, im Nichttun verweilend gibt es keine Täuschung mehr. Heilig und profan sind sinnlose Begriffe geworden, Nirwana und Samsara sind eins. Es gibt keine Welt mehr, die überwunden werden müßte, keine falschen Handlungen, die man vermeiden sollte. Aus der Stille heraus wird Entstehen und Vergehen, Leben und Tod als Eins betrachtet. Alles ist wie es ist: Blumen blühen rot, der Wind rauscht, Regen fällt. Kein Handeln ist notwendig. Außen und Innen ist keine Grenze. Keine Erleuchtung reicht an diesen Zustand heran, da sie vorübergeht. Der WEG ist hier zu Ende, unter den eigenen Füßen, weil man endlich angekommen ist.
10. Das Hereinkommen auf den Markt
Die Wege der großen Lehrer sind unnütz geworden, frei bewegt sich der Mensch zwischen Fischbuden und Kneipen. Er erhebt sich nicht über andere und wird nicht als fremd betrachtet. Reinheit und Beschmutzung sind einerlei, aber mächtiges Lachen ist häufig zu hören. Alles gelingt in lebensspendender Weise ohne Magie und Geheimnis. Hier ist nichts mehr nötig: Keine Verstellung anderen oder sich selbst gegenüber, keine Gedanken, was wohl die anderen von einem halten oder erwarten. Das Leben ist einfach geworden, Krawatte, Frisör und andere Imageupdates nunmehr unnötig. Weder nach Kloster- noch Partyleben steht diesem Menschen der Sinn.

So, was soll nun das ganze Geschwafel? Man sucht etwas, was man nie verloren hat, und man findet auch nichts, bzw. was man erreicht verschwindet wie Schnee in der Sonne. Also alles ziemlich sehr unnütz. Leute, laßt euch nicht verarschen! Der Zen-Buddhismus bietet nichts für euch. Weder bekommt ihr mehr Freunde noch mehr Ansehen in der Gesellschaft, das Leben wird nichtmal lustvoller dadurch. Und weshalb solltet ihr den Hornochsen suchen, seid froh, daß er weg ist. Was man nicht vermißt, das fehlt einem auch nicht. Und so geht das Leben von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz, von Beziehung zu Beziehung, von Arzt zu Arzt, von Therapeut zu Therapeut, und irgendwann stirbt man dann auch - nicht sehr kunstvoll, aber immerhin doch in echt. Bleibt nur die Frage, wer da stirbt - oder - kann jemand sterben, wenn er nicht wirklich gelebt hat.... Aber es geht hier ja nicht um Antworten.

pssst - habt ihr nicht gerade etwas gespürt? Vielleicht einen Hauch Atem oder einen Windzug? Den Blick von zwei Augen auf eurem Gesicht? Das Fallen eines Regentropfens?


Christoph Jantzen - Juni 2011
www.haus-lueginsland.de

Quelle: Haus Lueginsland

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Eingetragen von: christophjantzen@haus-lueginsland.de

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