Zen-Texte | Von Sein und Nichtsein

Daian

Von Sein und Nichtsein

Daian hatte den Ausspruch getan: »Sein und Nichtsein gleichen der Schlingpflanze, die den Baum umrankt.« Sozan unternahm eine weite Reise zu Daian, um an den Meister die Frage zu richten: »Was geschieht, wenn der Baum gefällt wird und die Schlingpflanze dahinwelkt?« Sozan bewegte die Frage: Wie, wenn wir die Begriffe Sein und Nichtsein aus unserem Denken auslöschen? Ist es unentrinnbar an diesen Gegensatz gefesselt, oder wie können wir je über diesen hinauskommen? - Der Meister war gerade beschäftigt, eine Mauer aus Lehm zu errichten. Was antwortete er? Er warf den Schubkarren um, den er führte, lachte laut und ging davon. Der enttäuschte Sozan zog zu einem anderen Meister. Als dieser sich aber auf Sozans Frage ähnlich verhielt wie vorher Daian, da lächelte Sozan auf einmal verstehend, verbeugte sich ehrerbietig und ging hinweg. Schlagartig war ihm aufgegangen, was der Meister ihm wortlos geantwortet hatte: Solange dein Geist angefüllt ist mit Ideen von Sein und Nichtsein, Geburt und Tod, Bedingtem und Unbedingtem, Ursache und Wirkung, so lange bist du befangen in Worten und Begriffen und noch fern der Wahrheit. Erst wenn du nicht mehr zu den Zuschauern, Kritikern, Ideenschwärmern, Wortemachern, Logikern gehörst, sondern dich in den Umgang mit der unmittelbaren Wirklichkeit des Leben hineinbegibst, wirst du die Wahrheit erahnen, die jenseits aller Worte liegt!

Quelle: Daisetz Teitaro Suzuki: An Interpretation of Zen-Experience, in Charles A. Moore, Philosophy - East and West, S. 109ff.

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