Zen-Texte | Himmel und Hölle

Dahui

Himmel und Hölle

Die Menschen sind schwer von Begriff - Das wahre Selbst nicht kennend, laufen sie den Dingen nach, erleiden freiwillig unermessliche Schmerzen in ihrer Gier nach ein bisschen Lust. Am Morgen, noch bevor sie die Augen öffnen und sich aus dem Bett erheben, halb wach erst, flattert ihr Geist schon umher, sich an irgendwelche beliebigen Gedanken heftend. Zu gutem oder bösem Handeln konnte es noch gar nicht kommen, und doch haben Himmel und Hölle sich schon ich ihrem Herzen gebildet, bevor sie auch nur das Bett verlassen. Wenn sie an ihr Tagwerk gehen, ist die Saat von Himmel und Hölle ihrem Geist schon eingepflanzt.
Sagte nicht der Buddha: "Alle Sinnesvermögen sind Gefäße, die euer eigener Geist manifestiert. Äußere Gegenstände sind Manifestationen der Einbildungen eures eigenen Geistes. Diese Manifestationen sind wie das Strömen eines Flusses, wie Samen, wie eine Kerzenflamme, wie der Wind, sie vergehen von Augenblick zu Augenblick. Fiebrige Betriebsamkeit, das Lechzen nach unreinen Dingen und unersättliche Gier sind die Ursachen der sinnlosen und irreführenden Gewohnheiten, die sich offenbar endlos fortsetzen wie ein unentwegt sich drehendes Wasserrad."
Wenn du dies wirklich erfasst, dann weißt du, was es heißt, dass die Dinge kein Selbst-Wesen haben. Du weißt, dass Himmel und Hölle nirgendwo sonst sind als im Herzen des halb Erwachten, der gerade aufstehen will; sie kommen nicht von außen.
Während du aufwachst, solltest du also wirklich achtsam sein. Und in dieser Achtsamkeit sollst du nicht gegen irgend etwas, das in deinem Geist gerade vorgeht, anzukämpfen versuchen. Beim Kämpfen vergeudest du Kraft. So sagt auch der Dritte Patriarch: "Wenn du Bewegung anhalten möchtest, um zur Stille zurück zu kehren, wird das Ringen um Stille die Bewegung verstärken."
Wenn du inmitten der weltlichen Anforderungen des täglichen Lebens Kraft sparen kannst, so wächst dir eben hier Kraft zu, erlangst du eben hier Buddhaschaft, verwandelst du eben hier Hölle in Himmel.


Quelle: Thomas Cleary, Der Mond scheint auf alle Türen, O.W. Barth Verlag 1992

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Der Mond scheint auf alle Türen
von Thomes Cleary (Hrsg.)
Der Mond scheint auf alle Türen   

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